New York zu Fuß entdecken


Als ich Bekannten erzählt habe, dass wir zwölf Tage nach New York fahre, haben mich viele verwirrt angeschaut. Alle waren der Meinung, wir sollten in der Zeit doch lieber eine Rundreise mache, statt nur eine Stadt zu besuchen. Es war jedoch bereits mein zweiter Besuch im Big Apple und diesmal wollte ich mir richtig Zeit nehmen, um diese riesige Stadt ganz ausführlich zu erkunden. Soviel schon vorneweg: Für mich hat es sich absolut gelohnt!

Der Reiseführer, den wir dabeihatten, kann ich jedem nur empfehlen, der gerne zu Fuß unterwegs ist. „POLYGLOTT: New York zu Fuß entdecken“ bietet die unterschiedlichsten Strecken an, die kürzeste Tour dauert circa drei Stunden, für die längste Route waren wir den ganzen Tag unterwegs. So lernt man auch die Dimensionen der Stadt noch einmal ganz anders kennen und man merkt, dass man auf die überlaufene U-Bahn, auch Subway genannt, gar nicht angewiesen ist. Zum Vergleich, allein der Bezirk Manhattan ist über 21 km lang – läuft man also von der obersten zur untersten Spitze und wieder zurück, hat man schon einen Marathon hinter sich gebracht.

Fast zwei Tage haben wir im Central Park verbracht und ich bin der festen Überzeugung, dass wir immer noch nicht alle Ecken gesehen haben. Besonders glücklich bin ich darüber, dass wir unser Hotel ohne Frühstück gebucht hatten und so jeden Tag ganz individuell bestimmen konnten, auf welche Art von Gericht wir Lust hatten. Manchmal gab es ein üppiges, typisch amerikanisches Frühstück mit Pancakes (die sind ungefähr so groß wie ein Handteller und viel dicker als die deutschen Pfannkuchen) und frischem Obst oder auch mal Eier mit Speck und Hashbrowns (die sind eigentlich genau so wie deutsche Reibekuchen, werden aber zum Frühstück statt zum Mittag- oder Abendessen gegessen). An einem unserer beiden Tagen im Central Park haben wir uns allerdings Sandwiches und Obst zum Mitnehmen besorgt und diese auf einer gemütlichen Bank im Grünen verzehrt.

Unser Hotel war zum Glück sehr zentral in Manhattan gelegen, sodass wir einen guten Ausgangspunkt für alle Sehenswürdigkeiten hatten. Neben Klassikern die jeder kennt, wie dem Times Square bei Nacht, oder dem Rockefeller Center sind wir durch unseren Reiseführer auf einen tollen Tipp gestoßen, auf den wir von alleine wohl nicht gekommen wären: Mit einer Seilbahn sind wir auf die Roosevelt Insel gefahren, die liegt zwischen Manhattan und dem Stadtbezirk Queens. Hier findet man nicht all zu viele Touristen – oder Autos – eine echte Abwechslung zum Rest der Stadt.  

Auf dem Empire State Building konnten wir New York ein weiteres Mal aus einer ganz anderen Perspektive sehen. Plötzlich wirkte alles noch größer! Die Karten waren mit 35 US Dollar kein Schnäppchen aber wir haben im Nachhinein doch einen guten Deal gemacht, denn mit unseren Tickets bekamen wir auch einen Gutschein für eine Schifffahrt entlang des südlichen Teils von Manhattan. Die Tour trug den Namen „Best of New York“ und hat uns richtig gut gefallen. Unter anderem hatte man einen perfekten Blick auf die Freiheitsstatue. Wer diese riesige Stadt jedoch zum ersten Mal besucht und nicht so viel Zeit für eine klassische Bootstour Richtung Liberty Island hat und ein zudem bisschen auf das Budget achten muss, dem kann ich die kostenlose Staten Island Ferry wärmstens empfehlen. Mit dieser Fähre fährt man zwar nicht direkt auf die Insel der Freiheitsstatue und kann sie nicht erklimmen, aber man kann sie dennoch genau begutachten und hat außerdem auch einen tollen Blick auf die Wolkenkratzer Manhattans.

Das unangefochtene Highlight der Reise war allerdings unser Besuch bei einem Heimspiel der American Football-Mannschaft New York Jets. Das Heimstadion der Mannschaft liegt etwas außerhalb, in East Rutherford, im an New York angrenzenden Bundesstaat New Jersey. In Amerika ist ein Footballspiel wie ein riesiges Fest: Es gibt Cheerleader, die mit einer Mischung aus Tanz und Akrobatik das Publikum animieren, und sogenannte Marching Bands, also ein marschierendes Blasorchester, das Uniform trägt und die Cheerleader musikalisch begleitet. Falls man sich selbst ein Bild von diesem Spektakel machen möchte, kann man das übrigens auch bei uns in Deutschland, sogar direkt in Gießen. Die Gießen Golden Dragons spielen regelmäßig im hiesigen Waldstadion.

Vollkommen kurios war für mich allerdings die sogenannte Tailgate Party vor dem Spiel. Das Wort „Tailgate“ heißt, aus dem Englischen übersetzt, soviel wie Heckklappe. Solch eine Party findet also am und um den geöffneten Kofferraum eines Autos statt. Vor einem großen sportlichen Event in Amerika spielt sich das wie folgt ab: Auf den großen Parkplätzen um das Stadion herum versammeln sich jung und alt und es entstehen kleine Gassen mit unzähligen Grills, Bänken, Stühlen und Tischen. Jeder bringt etwas von zuhause mit und egal ob Bier, Grillfleisch oder Salate – alles wird brüderlich geteilt. Geld spielt hier keine Rolle, denn ein kommerzieller Hintergrund ist vollkommen ausgeschlossen. Nicht einmal Verkäufer von Fanartikeln findet man hier, denn diese werden von den Tailgatern selbst einfach weggescheucht! Kurz bevor das Spiel beginnt wird einfach alles stehen und liegen gelassen, der Kofferraum bleibt offen stehen – aufräumen kann man auch noch nach dem Spiel. Niemand muss Angst haben, dass etwas abhandenkommt, man vertraut sich und auch wir als Fremde wurden herzlich aufgenommen und mit Speisen und Getränken versorgt. Als Bergfest unserer Reise war das eine schöne Abwechslung zum doch eher anonymen Trubel New Yorks.

Der Verkehr und die berühmt-berüchtigte Rush Hour sind in New York wirklich gewöhnungsbedürftig. Oft fragt man sich, warum es hier überhaupt so viele Menschen gibt, die mit dem Auto unterwegs sind, obwohl sie wissen, dass man nur schlecht vorankommt. Zudem gibt es wahnsinnig viele Einbahnstraßen; die verschlimmern die Verkehrssituation nur noch, da man, um mit dem Auto an einen bestimmten Ort zu kommen, oft einen großen Umweg in Kauf nehmen muss.

Bekannt ist Manhattan auch für seine vielfältigen Stadtviertel, von denen ständig ein anderes genau das ist, was man unbedingt besuchen muss. Der sogenannte Meatpacking District ist momentan besonders begehrt. Dort findet sich ein wunderschöner, stillgelegter Gleisabschnitt, der als Park renoviert wurde und sich über knapp 2,5 km erstreckt. Die ungewöhnliche Grünanlage, auch als sogenannte High Line bekannt, ist besonders in der Mittagszeit sehr gut besucht, denn sie eignet sich perfekt, um mitgebrachte Sandwiches in der Sonne zu genießen. Als wir durch Chinatown gegangen sind, fühlten wir uns plötzlich als wären wir gar nicht mehr in New York, obwohl man nur um zwei Ecken gegangen ist. Man kann spüren wie sich die Mentalität der Menschen, die dort leben und arbeiten, verändert und alles noch hektischer wird.

Trotz unserer zwölf Tage in New York haben wir noch lange nicht alles gesehen. Das nächste Mal möchte ich unbedingt nach Little Italy, also Klein-Italien, und mich davon überzeugen ob das Essen dort wirklich wie in Italien schmeckt. Außerdem ist Manhattan nicht der einzige Stadtbezirk in New York – Queens, Brooklyn, die Bronx und Staten Island wollen auch noch erkundet werden!

Miriam Gurbiersch, ehem. Möller | Länderprofi für Deutschland