Wandern in Hongkong


Wenn man Hongkong hört, dann ist das Erste an das man denkt, die vielen, riesigen Hochhäuser, die das Bild der Stadt prägen. Doch die Metropole, die für ihr geschäftiges Treiben, ihren Finanzsektor und auch ihre hohen Lebenshaltungskosten bekannt ist, kann auch ganz anders sein. Man kann sehr viel Natur erleben und – ja richtig – wandern! Als ich Hongkong das erste Mal besucht habe, war es Ziel eines langen Backpacking-Trips durch Asien. Ich habe mich sofort in die Region verliebt, die eigentlich nicht nur aus Hongkong City, sondern aus vielen kleinen sowie großen Inseln und Halbinseln besteht. Diese faszinierende Mischung hat mich immer wieder dorthin zurückgezogen. Mittlerweile war ich schon über zehn Mal dort.

Bereits bei meinem ersten Besuch habe ich von den Wanderführungen auf Englisch gehört und mich gewundert, ob es sich dabei einfach nur um eine Stadtführung zu Fuß handelt oder ob es um richtiges Wandern geht. Doch tatsächlich hat Hongkong, um den pulsierenden Stadtkern herum, Landschaft zu bieten, die man sehr gut mit dem deutschen Mittelgebirge vergleichen kann. Es gibt zum Beispiel sehr anspruchsvolle Strecken mit einer Länge von 150 km, für die man mehrere Tage einplanen muss. Diese Wege werden nicht ganz so oft bewandert wie kürzere Strecken, es gibt jedoch auch viele Schutzhütten, in denen man mit selbst mitgebrachtem Schlafsack und Proviant die Nacht verbringen kann. Solche längeren Routen findet man hauptsächlich etwas abseits vom Kern der Region, auf Lantau Island, westlich von Hongkong City, wo auch der Flughafen zu finden ist. Hier sind die Berge knapp 1000 m hoch.

Für Einsteiger eignen sich natürlich kürzere Tagesrouten von etwa 20 km Länge besser. Als Startpunkt ist der bekannteste Berg Hongkongs, der Victoria Peak auf Hong Kong Island, ideal. Der ist zwar ein echter Touristenmagnet, allerdings verbringen die meisten Reisenden dort nur um die zwei Stunden, genießen so lange die Aussicht und machen sich dann auch schon wieder auf den Rückweg. Von der Aussichtsplattform ist es jedoch absolut unkompliziert auf einen der Wanderwege zu gelangen. Natürlich schauen einen die anderen Touristen schon ein bisschen komisch an, wenn man mit seinem riesigen Wanderrucksack da oben steht.

Sobald man aber auf einem der Trails ist, verändert sich das Publikum. Man trifft plötzlich auf sehr viele Einheimische und kommt auch relativ schnell mit ihnen ins Gespräch. Ich habe schon Bänker getroffen, die in der Metropole jeden Tag dem Trubel ausgesetzt sind, aber am Wochenende einfach mal abschalten wollen und mit ihrer Familie im Wald unterwegs sind. Allerdings hatte ich bei meinen Touren auch schon mit sehr spartanisch wohnenden Fischern Kontakt. Die haben mit dem Tourismus an sich so gar nichts am Hut – da prallen definitiv zwei verschiedene Welten aufeinander.

Doch vor allem dieser Gegensatz ist das, was mir an Hongkong so gut gefällt. Innerhalb von kürzester Zeit kommt man von der Großstadt in die Natur – das bietet in dieser Form keine andere Stadt. Wenn ich auf dem Berg bin, habe ich gleichzeitig den Blick „von hinten“ auf die Hochhäuser aber auch auf unzählige Vogelarten und andere Tiere – wenn man Pech hat, trifft man auch mal auf eine Schlange. Diese müssen zwar nicht immer giftig sein, aber Vorsicht ist auf jeden Fall geboten!

Nichts desto trotz kann man natürlich nicht nur in den Bergen, sondern auch im Zentrum Hongkongs viel erleben. Besonders gerne bin ich immer wieder im Hong Kong Museum of History. Hier ist die gesamte Geschichte der Stadt dargestellt. Sich anzuschauen, wie in kürzester Zeit so viele Hochhäuser entstanden sind und wie Hongkong eigentlich vorher aussah, finde ich unglaublich faszinierend. Genauso aufregend ist es aber auch in Asien in ein europäisches Restaurant zu gehen. Normalerweise ist das etwas, was man im Urlaub lieber nicht macht und sich denkt: „Wenn ich unterwegs bin, möchte ich mir die einheimische Küche anschauen – Schnitzel kann ich auch zu Hause essen!“ Doch genau dieses Erlebnis sollte man einmal im Leben gemacht haben. Ich kann jedem nur empfehlen hautnah dabei zu sein, wenn Asiaten Pasta mit der Gabel essen. Besonders dann, wenn diese sich zum ersten Mal an Besteck versuchen, kann das sehr witzig aussehen.

Ansonsten wird in Hongkong alles gegessen, was aus dem Meer kommt. Um die typisch kantonesische Küche mit viel Gemüse aber auch Huhn zu entdecken, würde ich immer wieder eine von den tollen kulinarischen Stadtführungen mitmachen. So traut man sich auch eher an die vielen kleinen Garküchen heran, die man überall findet. Und vielleicht wagt man sich dabei sogar an gegrillte Heuschrecken und andere Insekten, wozu ich mich bis jetzt noch nicht so richtig getraut habe.

Mein schönstes und zugleich vielleicht auch verrücktestes Erlebnis hatte ich schon bei meinem allerersten Besuch in Hongkong. Ich war damals über Weihnachten dort und habe in einem Hostel übernachtet. Dort habe ich viele asiatische Touristen kennen gelernt, die in Hongkong ihren kompletten Jahresurlaub verbracht haben. Dieser besteht in asiatischen Ländern oft nur aus sechs bis sieben Tagen und selbstverständlich will man in dieser kurzen Zeit viel entdecken. Um diese komplett andere Reisementalität zu erleben, habe ich mich einer Chinesin für einen Tag angeschlossen, um die Stadt zu erkunden. Es war verrückt zu sehen, wie wenig Zeit sie für einzelne Sehenswürdigkeiten eingeplant hat und wie viel an einem Tag abgeklappert wurde. Natürlich wurden wahnsinnig viele Fotos gemacht, doch am Ende des Tages saßen wir dann gemütlich bei einem Weihnachtskonzert und die Zeit spielte keine Rolle mehr.

Auch mit Blick auf dieses Erlebnis kann ich jedem nur den Tipp geben, entschleunigt zu reisen. Oft werden für Städtetrips nur wenige Tage eingeplant und bevor man den Ort oder die Region richtig kennen lernen konnte, reist man auch schon weiter. Ich finde es sehr wichtig, sich mehr Zeit zu nehmen und Orte öfter zu bereisen, anders wäre ich wahrscheinlich niemals in Hong Kong wandern gewesen.

In diesem Sinne freue ich mich schon sehr auf meine nächsten Besuche an diesem faszinierenden Ort,

Julian Toboll | Profi für Großbritannien