Bei den letzten Berggorillas in Ruanda


Ein Traum wird wahr in Afrika. 

Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Silberrücken – Adrenalin und Glücksgefühle pur und mit Abstand eines meiner beeindruckendsten Erlebnisse in Afrika. Nachdem ich 2007 während einer Uganda-Rundreise schon mal einen Abstecher nach Ruanda gemacht hatte, hatte ich mir damals vorgenommen irgendwann dieses winzige Land zu bereisen und natürlich durfte ein Besuch der Berggorillas nicht ausgelassen werden. Im Februar 2016 habe ich dann endlich die Koffer gepackt und eine 11-tägige Pauschalreise in die ehemalige deutsche Kolonie Ruanda mitten in Afrika angetreten.

Ruanda ist das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas und die Flüchtlingswellen aus dem kriegsgebeutelten Nachbarstaat Kongo belasten die wenigen Ressourcen noch zusätzlich. Bis 1916 war Ruanda eine deutsche Kolonie, danach belgisches UN-Mandatsgebiet und 1962 erhielt es seine Unabhängigkeit. Neben Kinyarwanda spricht man französisch und englisch. 1994 hat der Völkermord durch die Hutu an den Tutsi das Land schwer zerrissen. Innerhalb von nur 3 Monaten kamen zwischen 800.000 und einer Million Ruander ums Leben! Der Besuch des Kigali Genocide Memorials hat mich sehr bewegt und noch lange beschäftigt. Aus Gründen der Vergangenheitsbewältigung haben die Distrikte und Städte teilweise neue Namen erhalten. 

Obwohl Ruanda so nah am Äquator liegt, ist das Klima aufgrund der Höhe eher mild und feucht. Der Großteil des Landes ist traumhaftes Hochland, das im Schnitt auf etwa 1.500 Meter über dem Meer liegt, in den Vulkanbergen geht es mit dem Berg Karisimbi sogar auf 4.507 Meter rauf. Jetzt im Februar beginnt gerade die große Regenzeit. Bis Mai fällt fast die Hälfte der gesamten jährlichen Niederschläge und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit. Passende Regenkleidung und auch ein wasserdichter Schutz für die Kamera solltet ihr unbedingt dabei haben. Auch Impfungen gegen Typhus, Gelbfieber, Hepatitis sowie eine Malaria-Prophylaxe werden empfohlen.

Wegen der bergigen Landschaft wird Ruanda auch „Land der tausend Hügel“ genannt. Außerdem besitzt es den größten Bergregenwald des Kontinents und die imposante Virunga-Vulkankette mit acht Vulkankegel entlang des ostafrikanischen Grabenbruchs, die bis heute aktiv sind. Hier liegt auch der Vulkan-Nationalpark, dessen dicht bewachsenen Hänge die letzte Zufluchtsstätte der Berggorillas sind. Dies ist größtenteils Dian Fossey zu verdanken, die in Karisoke eine Forschungsstation hatte und sich sehr für den Schutz der Tiere eingesetzt hat. Auch eine stark gefährdete Art der Meerkatzen findet sich nur noch hier. Die Landschaft dort ist wirklich einmalig schön und hat mich tief beeindruckt.

Die einfachste Flugverbindung nach Kigali geht über Brüssel, aber was ist schon einfach? Meine Anreise erfolgte mit Qatar Airlines via Doha. Am nächsten Tag endlich in Ruandas Hauptstadt Kigali angekommen, traf ich mit dem Rest meiner 3-köpfigen Reisegruppe zusammen. In den ersten Tagen unserer Rundreise ging es zum Akagera-Nationalpark mit Elefanten, Antilopen, Giraffen, Zebras, Flusspferden, Wasserböcken und Pavianen und anschließend in den Nyungwe-Park, wo wir vor allem jede Menge Schimpansen zu Gesicht bekamen. Ruanda hat drei Nationalparks und die Infrastruktur ist wirklich so gut ausgebaut, dass man auf den meist asphaltierten Straßen super voran kommt. Das Land ist sicher und Vorbild in Sachen Umweltschutz. Kigali gilt als sauberste Stadt Afrikas, Mülltrennung ist gesetzlich vorgeschrieben und bei illegaler Müllentsorgung drohen horrende Geldstrafen oder sogar Gefängnis. Selbst Plastiktüten sind verboten und alle Touristen müssen bei der Einreise ihr Gepäck durchsuchen lassen. Ich finde das wunderbar und man ist uns dort um einiges voraus.

Der 900 km² große Akagera-Park liegt im Osten und besteht hauptsächlich aus Savanne und Sumpf. Dementsprechend vielfältig ist  die Fauna und wir haben hier unzählige Tiere beobachten können. Der Nyungwe-Wald ist ein immergrüner Bergregenwald im Südwesten und erst 2012 zum Nationalpark erklärt worden. Wälder wie diese werden als Nebelwälder bezeichnet und sind meist in Wolken gehüllt, was unglaublich mystisch aussieht. Auch dieser Park ist mit einer asphaltierten Fernstraße mittendurch gut erschlossen. Man kann hier neben 75 Säugetieren auch über 300 Vogelarten, 120 Schmetterlinge und 100 verschiedene Orchideen finden, viele davon endemisch. Die Schimpansen fühlen sich hier sichtlich wohl und haben uns viel Spaß bereitet.

Auf der Fahrt entlang der Grenze zum Kongo gab’s noch einen herrlichen Stopp in Kibuye am Kivu-See, dem einzigen See des Landes, wo man ohne Bilharziose-Gefahr baden kann. Er ist mit 2650 km² fast 5 mal größer und mit bis zu 485 m auch doppelt so tief als der Bodensee und gehört zu den großen afrikanischen Seen. Einzigartig ist das Phänomen, dass Wassertemperatur und Salzgehalt mit zunehmender Tiefe steigen. Ursache dafür sind vulkanische Quellen mit einer sehr hohen Konzentration an gelösten Methangasen auf dem Grund. Gegen die Gefahr eines Gasausbruchs, bei dem zwei Millionen Menschen rund um das Seeufer ersticken könnten, und um den gewaltigen Methanvorrat zu nutzen, werden Kraftwerk-Projekte vorangetrieben.

Ganz im Norden des Sees liegt die Stadt Gisenyi, wo wir bei einem Marktbesuch einen tollen Einblick in die exotische Küche Ruandas bekamen. Überhaupt schmeckt das einheimische Essen ganz fantastisch, überwiegend gibt es Kochbananen in allen Varianten. Selbst Wein wird aus Bananen hergestellt und ich habe sogar Bananenbier getrunken (Kein Kommentar 😉 ). Nicht wegzudenken sind natürlich auch Maismehl, Maniok und Süßkartoffeln. Dazu gibt es Gemüse und vor allem am Kivu-See sehr leckere Fischgerichte. Unbedingt probieren solltet ihr den heimischen Kaffee oder Tee, aber diese Produkte sind meist für den Export bestimmt. Wasser solltet ihr aus hygienischen Gründen in abgepackten Flaschen kaufen oder abkochen. Von uns haben aber alle die kulinarischen Ergüsse bestens überstanden.

Übernachtet haben wir meist in einfachen Hotels, aber auch in einer Gastfamilie (Homestay) am Lake Ruhondo – ein ganz besonderes Highlight der Reise. Da ich „meine“ Familie“ so ins Herz geschlossen habe, werde ich sie in diesem Jahr gleich wieder besuchen.

 

Gorilla-Trekking im Land der tausend Hügel.

Dann war es endlich soweit. Im Nordwesten angekommen, verbrachten wir die Nacht in einem Hotel in Musanze (ehemals Ruhengeri), in dem auch Dian Fossey immer übernachtet hat, wenn sie in der Stadt war. Ganz früh am Morgen ging es los. Ab zu den Gorillas! Ich habe vor Vorfreude wirklich kaum ein Auge zubekommen. Teile des 13.000 km² großen Vulkan-Parks gehörten bereits 1925 zum ersten Nationalpark Afrikas und der Besuch bei den Berggorillas in ihren letzten Lebensräumen gehört sicher zu den eindrucksvollsten und beliebtesten Attraktionen Ruandas. Die Anzahl der täglichen Besucher ist stark begrenzt, weshalb man sein 750$-Eintrittsticket auch im Voraus buchen sollte. Einen preiswerteren Einblick in das Leben dieser faszinierenden Tiere kann man auch mit dem Film über Dian Fossey „Gorillas im Nebel“ bekommen, aber mit „hautnah dran“ ist der natürlich nicht vergleichbar.

Der Tag wurde echt anstrengend, war aber jeden Schweißtropfen wert. Mit einem Permit, das man vorab in Kigali erwirbt, starten wir zum Parkbüro in Kinigi. Hier werden wir registriert (Reisepass nicht vergessen!) und einer Gorillagruppe zugeteilt. Es dürfen täglich nur zehn an Besucher gewöhnte Gorillagruppen für maximal 1 Std. pro Tag besucht werden. Mit maximal 8 Gästen, einem Parkführer und Ranger startet das Abenteuer zuerst im Geländewagen. Vorher wurden wir alle noch zur Toilette geschickt. Unterwegs wird dies schwierig und da uns diese faszinierenden Tiere von der DNA recht ähnlich sind, besteht eine große Ansteckungsgefahr, so dass man jegliche Verbreitung von Keimen zu vermeiden versucht. In der größten Not wird das „Geschäft“ dann vergraben. Zur Pflichtausstattung gehören neben entsprechendem Schuhwerk und Regenkleidung auch ein paar Handschuhe gegen Dornengestrüpp und die Socken werden gegen Ameisen sehr stylisch über die Hosen gezogen. Jetzt kann’s los gehen. So nah wie es möglich ist, fahren wir an unsere Gorillagruppe heran. Dann müssen wir aber zu Fuß weiter. Über Stock und Stein geht es erst an Feldern vorbei, immer begleitet von lachenden Kindern, bis wir die Parkgrenze (eine Steinmauer) erreichen. Sogenannte Tracker (Fährtensucher) sind im Regenwald bereits vor Ort und haben früh morgens schon die Schlaf- und Futterplätze der einzelnen Gruppen ausspioniert. Per Funk werden die GPS-Koordinaten an den Parkführer übermittelt, der uns so auf direktem Weg zur Gorillagruppe bringt. Nun geht es durch Bambuswälder und dann quer, mehr oder weniger auf allen Vieren, durch dichten Regenwald. Bei dem steilen und rutschigen Untergrund macht es wirklich Sinn, einen persönlichen Helfer zu engagieren, der den Rucksack trägt und bei schwierigen Trekkingpassagen hilft. Obwohl wir alle sportlich fit waren, wäre das ohne sie eine absolute Tortur geworden. Oft habe ich mich in dem dornigen Gestrüpp und undurchdringlichen Unterholz verfangen und bin weggerutscht – immer mit der Frage, rette ich nun mich oder die Kamera ;-). Bis wir bei unserer Gruppe Susa A, die sich in den oberen Vulkanhängen aufhält, also in ca. 2500 – 3000 Meter Höhe, angekommen waren, waren wir etwa 2,5 Std. unterwegs.

Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Ein Knacken, ein Brummen und da kam plötzlich ein Gorillamännchen trommelnd aus dem Gebüsch und machte klar, wer hier der Chef ist. Alles Gepäck wurde an einem Sammelpunkt fallen gelassen und los ging’s. In der Eile vergaß ich meine Regenjacke. Zum Glück konnte ich mir die eines anderen Gastes borgen und so wenigstens meine Kamera trocken halten. Die Susa A-Gruppe ist die größte Gruppe und wir mussten im Vorfeld bestimmte Verhaltensregeln lernen und auch (sehr zur Belustigung der Guides) üben. Dazu gehört dann auch unterwürfiges Verhalten, möglichst nicht direkt ansehen, beruhigende Grunz- und Schmatzlaute, lausen, kratzen, auf Gras rumkauen und ähnliches, was Primaten eben so tun. Unfälle mit Touristen will man selbstverständlich vermeiden und die Tiere sollen sich nicht provoziert fühlen und angreifen. Zu jedem Tier soll man besser einen Mindestabstand von 5 Metern einhalten, aber was soll man machen, wenn die plötzlich direkt auf einen zukommen? Weglaufen und hektische Bewegen sind nicht empfehlenswert. Ich habe bestimmt überhaupt nicht mehr geatmet, als sich ein Weibchen in aller Ruhe neben mich gesetzt hat und genüsslich einen Busch nach Essbarem inspiziert hat. Anschließend ist sie so dicht an mir vorbei geschlendert, dass sie mich gestreift hat, was die Dame aber offensichtlich nicht im Geringsten gestört hat. Man scheint an die Anwesenheit dieser unbehaarten Zweibeiner gewöhnt. Für mich war es eine absolut faszinierende Begegnung und es ist wirklich schwer, nicht die ganze Zeit mit der Kamera draufzuhalten, sondern in aller Ruhe mit eigenen Augen diese Tiere hautnah zu beobachten und sie in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. Wahnsinn – man kann sich kaum wieder von ihnen trennen. Seelig und überglücklich, allerdings völlig erledigt, ging es dann wieder zurück – ein unvergessliches Erlebnis!

Wenn man sich die Zustände im Kongo ansieht, wird einem ganz Elend. Auch hier und in Uganda werden die Gorillas offiziell geschützt, aber aus der Not kommen doch viele Wilderer über die Grenze. Viele Familien leben vom Schutzprojekt und ehemaligen Wilderern bietet man als Ranger eine „echte“ Alternative. Auch die Bauern, die das Land nicht weiter abroden, werden von den Eintrittsgeldern unterstützt. Viel sinnvoller kann man also kaum Geld ausgeben.

Am nächsten Tag besuchten wir die vom Aussterben bedrohten Goldmeerkatzen, die nur hier im Vulkan-Nationalpark heimisch sind. Bei einer kleinen Trekking-Tour konnten wir die flinken Gesellen bestaunen, aber zum Fotografieren waren sie oft viel zu schnell.

Ganz authentisch und wunderschön wurde es nochmals am Ende meiner Reise, als ich am Lake Ruhondo in einer Gastfamilie aufgenommen wurde, ein sogenannter Homestay. Die Familie und die Kinder waren einfach entzückend. Mein Gastvater sprach sehr gut englisch und ich konnte eine Menge Eindrücke über ihr Leben bekommen. Mit drei Kindern und einem Adoptivkind, davon der große Sohn auf dem Internat, und einem guten Lehrerjob ging es der Familie recht gut. Aber im Vergleich zu Deutschland ist der Unterschied absolut krass.

Das ganze Leben spielt sich draußen auf dem Hof ab. Waschen und kochen zwischen Hühnern und Ernte; die Toilette: ein Loch im Boden in einem Schuppen neben dem Kuhstall; Wasser nur in Kanistern. Mit ihrer Herzlichkeit habe ich alle sofort in mein Herz geschlossen. Das Essen war fantastisch und das Video, das ich von den Kindern gedreht hatte, ein abendlicher Spaß für die ganze Familie. Die Kinder haben meine Turnschuhe inspiziert und sich kaputt gelacht. In Ruanda sieht man die Kinder meist grüne (oder orangefarbene) Schuhe aus Gummi tragen. Leider hieß es nun auch hier Abschied nehmen, aber ich habe meinen Flug nach Ruanda längst schon wieder gebucht und bin auf neue Abenteuer gespannt. Ihr auch? 

 

Michèle Rumpf | Profi bei Service-Reisen für Skandinavien