Unterwegs im Land der Sch‘tis


Kennt ihr den Film „Willkommen bei den Sch‘tis“? Die Geschichte handelt von dem südfranzösischen Postbeamten Philippe Abrahms, der nach Nord-Pas-de-Calais strafversetzt wird – dem Klischee nach eine Region, in der das Wetter regnerisch und kalt ist, die Menschen etwas sonderbar sind und einen merkwürdigen Dialekt haben. So wie Philippe Abrahms im Film haben auch wir während der Reise festgestellt, dass die Menschen sehr gastfreundlich und die Region absolut sehenswert ist. Aber alles der Reihe nach…

An einem Donnerstagmorgen im Oktober startete morgens um 6.00 Uhr unsere Tour in Gießen und es ging in Richtung Nordfrankreich. Ja, das war sehr früh – aber wo es so viel zu erleben und entdecken gibt, muss die Zeit schließlich gut genutzt werden. Angekommen in Lille, der Hauptstadt der Region Hauts-de-France, wurden wir im Hotel zum ausgiebigen Mittagessen erwartet.

Abends erwartete uns dann das erste Highlight der Reise: Ein Abendessen in einem Estaminet. Das sind für die Region typische Restaurants, die sehr gemütlich und traditionell eingerichtet sind. Unser Restaurant für diesen Abend „Le Barbue d‘Anvers“ (dt. „Der Bärtige aus Antwerpen“) lag etwas versteckt in einer Seitengasse der Altstadt von Lille in einem alten Fachwerkhaus. Die ganz besondere Dekoration des Restaurants lässt sich eigentlich nur mit Bildern beschreiben. Man kommt in den Gastraum und sieht eine Regalwand voller „Krimskrams“, die sich über die komplette Breite des Raumes zieht – verschiedene Biersorten, Weinkühler, alte Haushaltsgegenstände und vieles mehr. Wenn ihr beim Essen mal nichts mehr zu erzählen habt, könnt ihr auch einfach den ganzen Abend damit verbringen, die Regalwand als Unterhaltungsinspiration zu nehmen. 😉

Gut ausgeschlafen und gestärkt vom Frühstück ging es am nächsten Morgen zur Stadtführung durch Lille. Die Stadt begrüßte uns in einem ganz besonderen Licht. Es war neblig, aber hier und da schaffte es die Sonne schon langsam, sich gegen den Nebel durchzusetzen – total schön. Los ging es auf dem Place du Theatre, direkt vor der Oper. Hier steht auch die Handelskammer von Lille mit dem Belfried – besser gesagt einem von zwei Belfrieden in Lille. Der andere ist ein wenig moderner, befindet sich am Rathaus von Lille und dient auch als Aussichtsturm. Den Belfried der Handelskammer kann man sich „nur“ von außen anschauen – was aber auch sehr toll ist.

Der Belfried – oder auf französisch beffroi – ist uns in den folgenden Tagen noch oft begegnet. Hier zeigt sich, dass der Nordosten Frankreichs auf dem Gebiet der historischen Grafschaft Flandern liegt – wenn ihr euch jetzt wundert: Ja, das war auch mir neu, dass Flandern zum Teil in Frankreich liegt. Besonders in Belgien und der Region Hauts-de-France hat fast jede Stadt ihren eigenen Belfried. Ursprünglich wurden diese weltlichen Glockentürme errichtet, um die Macht der Stadt gegenüber der Kirche zu demonstrieren. Viele Belfriede befinden sich am Rathaus der entsprechenden Stadt.

Wenn ihr in Lille seid, solltet ihr euch ein wenig Zeit nehmen, die Konditorei Meert zu besuchen. Die Boutique der Konditorei liegt in einem prunkvoll verzierten und eingerichteten Gebäude in der Rue Esquermoise, circa fünf Minuten zu Fuß von der Oper entfernt. Bekannt ist die Konditorei vor allem für ihre mit Vanillecreme gefüllten Waffeln, die wirklich lecker sind. Aber auch beim Anblick der vielen Torten und Pralinen im Schaufenster läuft euch sicherlich das Wasser im Mund zusammen.

Mich hat Lille stark an Brügge erinnert. Die beiden großen Plätze mit der Oper, der Handelskammer und einigen anderen repräsentativen Gebäuden, dazu viele kleine Gassen mit hübschen Boutiquen, Konditoreien und Häusern mit rotem Backstein. Ich kannte Lille vorher nicht und war total verzaubert von der Stadt. Wer Flandern mag, ist hier in jedem Fall bestens aufgehoben!
Nachdem sich der Nebel gelichtet hat, sind wir in strahlendem Sonnenschein aus Lille weggefahren in Richtung Roubaix.

Am Nachmittag stand Kultur auf dem Programm – wir haben uns das Kunst- und Industriemuseum „La Piscine“ (dt. „Das Schwimmbad“) angeschaut. Warum nennt sich ein Kunstmuseum „Das Schwimmbad“? Das heutige Museum war bis in die 1980er-Jahre ein Schwimmbad, hauptsächlich für die Arbeiter der Textilfabriken, von denen es zu dieser Zeit in Roubaix einige gab. Das Schwimmbad ist im Art Déco-Stil gebaut und im Hauptraum, wo sich ursprünglich das große Schwimmbecken befand, beeindrucken vor allem die beiden großen Glasfenster an beiden Enden des Beckens. Wer schon einmal im Musée d‘Orsay in Paris war, dem wird sicherlich der sehr ähnliche Aufbau des Museums auffallen – der Entwurf des Museums „La Piscine“ stammte auch vom gleichen Architekten. Auch die Verbindung des ehemaligen Schwimmbades zur Textilindustrie wird im Museum aufgegriffen. So findet man im Obergeschoss eine Ausstellung verschiedener Kleidungsstücke und Stoffe und im Innenhof befindet sich ein Garten mit Pflanzen, die früher zum Färben der Stoffe genutzt wurden.

 

Die Villa Cavrois in Croix, die als nächstes auf unserem Programm stand, ist ebenfalls eng mit der Textilindustrie verbunden. Sie gehörte der Familie Cavrois, die seinerzeit mehrere Textilfabriken in Roubaix besaß. Um die Villa zu verstehen, muss man sich bewusst machen, dass sie in den 1930er-Jahren gebaut wurde, denn sowohl die Architektur, als auch die Ausstattung mit Zentralheizung, Lift, Telefon, fließend warmem und kaltem Wasser etc. waren zu dieser Zeit absolut untypisch, hochmodern und für die meisten Menschen nicht erschwinglich. Die Architektur der Villa und ihre Einrichtung kann man mögen oder nicht – mein Stil wäre es auch nicht 😉 – aber allein der Gedanke, wie sehr die Familie sich damals mit ihrer Villa von der Masse abhob, macht das Ganze schon echt spannend.

Der nächste Tag startete mit einer Stadtführung durch Arras, begleitet von Iryna, einer Dame aus Weißrussland, die seit ein paar Jahren in Frankreich lebt und zusätzlich noch Stadtführungen auf Deutsch macht. Aus diesem bunten Mix an Sprachen sind hier und da ein paar recht lustige Redewendungen entstanden – so holte sie uns am Hotel ab und bat uns mit einem erfrischenden „Kommen Sie über hier“, ihr zu folgen. Da auf der Place des Héros und der Grand Place, den beiden großen Plätzen der Altstadt, der Markt stattfand, haben wir uns dazu entschieden, uns die Altstadt erst einmal von oben anzuschauen und sind auf den Beffroi hochgefahren. Bei strahlendem Sonnenschein konnten wir den Ausblick über Arras und die gesamte Umgebung genießen. Vorbei am ehemaligen Wohnhaus von Robespierre und am Theater, mit kurzem Stopp an der Kathedrale ging es durch die Altstadt zurück zum Bus.

Auf dem Weg nach Lens konnten wir zwei weitere Gesichter der Region kennenlernen: Die Spuren des ersten Weltkriegs und die Kohleindustrie.

Auf dem Weg von Arras nach Lens kommt man unter anderem am deutschen, kanadischen und – mit kurzem Umweg – auch am französischen Soldatenfriedhof vorbei. Der Anblick ist schon ein wenig bedrückend – wenn auch nicht weniger beeindruckend – und das obwohl der erste Weltkrieg schon fast 100 Jahre zurückliegt. Für mich wäre das nichts für eine ausgedehnte Besichtigung, eher für einen kurzen Fotostopp, um es mal gesehen zu haben. Aber das kommt natürlich immer auch auf die Interessen eurer Gruppen an.

Spannender fand ich das Thema Bergbau, denn das Nord-Pas-de-Calais – vor allem die Region um Béthune, Lens und Douai – ist sozusagen das französische Ruhrgebiet. Bei der Fahrt entlang der Landstraßen sieht man hier und da noch die Bergehalden mit den Überresten aus dem Kohlebergbau. Auch in Lens selbst befand sich bis Anfang der 1980er-Jahre eine Zeche, und zwar genau auf dem Gelände wo sich heute das Louvre Lens befindet, das wir uns nach dem Mittagessen angeschaut haben. Zwar erinnert heute das Gelände selbst nicht mehr an die Kohleindustrie, wenn man allerdings ein paar Minuten läuft, kommt man direkt in die ehemalige Zechensiedlung, die heute eine gutbürgerliche Wohnsiedlung ist.

Im Museum selbst durften wir als erstes die Werkstatt und das Lager ansehen. Zwar nur von außen durch eine große Glasscheibe, aber trotzdem darf man nicht alle Tage beobachten, wie ein Kunstwerk restauriert wird oder wie viele Gemälde, Skulpturen und andere Kunstwerke so ein Museum besitzt, die der „normale“ Besucher nicht zu Gesicht bekommt.

Als nächstes ging es in die „Galerie der Zeit“, den Hauptflügel des Museums. Das Besondere der Galerie ist, dass die Kunstwerke hier nach der Zeit ihrer Entstehung geordnet sind. Der Zeitstrahl beginnt bei 3500 v. Chr. und führt bis ins 21. Jahrhundert. Ich empfehle euch unbedingt, das Museum mit einem Guide zu besuchen. Das Louvre Lens hat seit kurzem eine deutschsprachige Museumsführerin, die es sogar geschafft hat, einem Kunstbanausen wie mir die Kunstwerke näher zu bringen und die Unterschiede zwischen den einzelnen Kunstepochen begreiflich zu machen. Die Kunstliebhaber unter uns waren etwas enttäuscht, dass wir hier nur Zeit für einen ganz kurzen Einblick hatten.

Schuld an dem Louvre-Besuch im Schnelldurchlauf waren übrigens die Fußballfans. Als Tipp: Samstags nachmittags, wenn der Fußballverein RC Lens ein Heimspiel im Stadion von Lens hat, ist die Fahrt durch die Innenstadt bis zum Louvre keine besonders gute Idee – das Louvre Lens liegt recht nah am Stadion zu dem alle Fans pilgern und dadurch die Stadt zu einem riesigen Stau verwandeln. Nach unserem Besuch im Mouvre konnten wir sogar die Fangesänge aus dem Stadion hören. 😀

Raus aus Lens ging es nun in Richtung Norden an die Opalküste. Vielleicht auch dank unserer staubedingten Verspätung konnten wir die Opalküste im wunderschönen Licht des Sonnenuntergangs genießen. Je nach Hotelstandort – z.B. ab Lille oder Arras – eignet sich die Opalküste für einen schönen Tagesausflug. Immer mit Ausblick auf die Kreideküste von Dover fährt man zwischen dem Cap Gris Nez und dem Cap Blanc Nez durch kleine, malerische Fischerdörfer.

Unser Ziel an diesem Tag war die Hafenstadt Dünkirchen (frz. Dunkerque), wo uns am nächsten Morgen eine Stadtführung erwartete. Bei strahlend blauem Himmel, aber eisiger Kälte ging es vorbei am Belfried, in dem sich die Tourist-Information der Stadt befindet, der Statue des Freibeuters Jean Bart, dem Rathaus und dem alten Hafen bis zum Hafenmuseum. Das Museum ist wirklich einen Besuch wert – allerdings nur mit deutschsprachigem Guide, da alle Erklärungen nur auf französisch und englisch geschrieben sind. Hier erfahrt ihr, wie sich im Laufe der Zeit die Schifffahrt, der Schiffsbau und auch der Hafen von Dünkirchen verändert haben.

Nach einer abschließenden Hafenrundfahrt und einem Mittagessen direkt am Strand von Dünkirchen mit herrlichem Ausblick aufs Meer hieß es auch schon wieder „Au révoir“.

eure Christine Scherhag | Profi für Frankreich

P.S.: Mich persönlich hat die Region mit ihren vielfältigen Möglichkeiten positiv überrascht und ich werde sicherlich wiederkommen. Wenn ihr Ideen oder Anregungen für eure Gruppenreise nach Frankreich braucht, schaut doch einfach mal hier vorbei.