Unterwegs mit dem langsamsten Schnellzug der Welt


Zugfahren ist doch eine schöne Art zu reisen, findet ihr nicht auch? Diesen Oktober lud unser Partner SwitzerlandTravelCenter mich und   eine Kollegin  ein, die Welt der Schweizer Bahnen im Rahmen einer Infotour etwas näher zu erkunden. Wir sind einmal quer durch die Schweiz gefahren. Neben  der berühmten Strecke des Bernina-Express‘  sind wir auch ein Stück mit dem Glacier-Express gefahren.

Auch wenn ich sonst die Weite des  Meeres der Bergwelt vorziehe, war die Aussicht, mit dem Zug durch die Schweiz zu fahren, sehr verlockend. Wir sind schon früh – dem Thema entsprechend mit dem Zug – nach Zürich aufgebrochen. Dort trafen wir dann den Rest unserer heiteren Gruppe. Zusammen ging es auf in den „Süden“, über Bellinzona nach Lugano. Da ich mich auf Norditalien spezialisiert habe, kommt mir Lugano  wie „zu Hause“ vor. Obwohl noch in der Schweiz, fühlte ich mich wie in Italien.  Die  Schweizer Bergwelt verschmilzt förmlich mit dem italienischen Flair.  Diese besondere Erfahrung wird  übrigens auch  bei unseren Reisegruppen immer beliebter.
Auf unserer Anreise merkten wir gleich den Unterschied zur Deutschen Bahn. Die Anschlusszeiten, die mir zu Beginn noch Sorgen bereiteten, haben einwandfrei geklappt. Die Züge in der Schweiz warten nämlich aufeinander! Die Fahrpläne sind stets so gestaltet, dass die Reisegäste eine zeitnahe Anschlussmöglichkeit haben. Denn in der Schweiz gibt es im Schienenverkehr diverse Knotenpunkte, in denen sich die ankommenden Züge treffen, dann kollektiv auf den letzten der geplanten Züge warten und erst wenn der angekommen ist, fahren alle Züge aus den Bahnhöfen nacheinander wieder aus. So hat auch der Gast aus dem verspäteten Zug die Chance seinen Anschluss zu bekommen. Richtig toll!

In Lugano angekommen, brachten wir unsere Sachen schnell ins Hotel bevor wir uns auf zu einem Stadtrundgang machten.  Allerdings regnete es bei unserer Ankunft in Strömen! Also bewaffneten wir uns mit Regenschirmen  und starteten zu unserer Erkundungstour. Doch kaum dass wir den Fuß vor die Tür gesetzt hatten, brach die Sonne hinter den Wolken hervor. Manchmal meint es der liebe Gott doch gut mit einem. 🙂 Übrigens: wenn ihr künftig nach Lugano fahrt, habt ihr den Vorteil, dass mittlerweile die Standseilbahn  vom Bahnhof hinab in die Altstadt wieder in Betrieb genommen worden sein wird. Seit 2014 war sie in einem Modernisierungsprojekt und laut Planung wird sie im Dezember 2016 wieder für die Öffentlichkeit nutzbar sein. Macht euch aber keine Sorgen, solltet ihr nicht so gut zu Fuß sein. Lugano ist eine schöne Stadt, die ihre paar steileren Straßen clever um einige Stufen ergänzt hat, sodass sich die Steigung leichter laufen lässt.

Am nächsten Morgen sollte es aber  richtig losgehen: Auf zum Bernina-Express! Was viele vor einer Fahrt mit dem Bernina-Express nicht wissen, ist, dass nicht der Zug den Namen trägt, sondern die Strecke dem Zug den Namen gibt. Also nur, wenn der Zug die Strecke von Tirano über St. Moritz nach Davos (oder umgekehrt) fährt, ist er der Bernina-Express. Um von Lugano nach Tirano (in Italien) zu kommen, mussten wir allerdings mit dem Bernina-Express Bus fahren. Auf dieser Strecke entlang des Luganer Sees und des Comer Sees gibt es keine Schienen. Die Schweizer Bahn hat stattdessen viele Busse im Einsatz, um dennoch eine Verbindung zu garantieren. Unsere Kunden haben es mit ihren eigenen Bussen da viel einfacher.  Die Busse der Schweizer Bahn  sind genau so rot wie die Züge, das ist wirklich sehr gut gemacht! Die Sitze waren super bequem und die Fenster mit  Panorama-Scheiben ausgestattet. Diese Panorama-Scheiben gibt es in den Zügen auch – sofern ihr diese Platzkategorie bucht. Für Hobbyfotografen ist das allerdings kein Vorteil, denn die Fenster lassen sich nicht öffnen und sind auch leicht getönt. Tipp: Wenn ihr also schöne Landschaftsfotos machen wollt – und glaubt mir, das werdet ihr können! – dann bucht euch lieber einen Sitzplatz in den „normalen“ Zugabteilen. Das ist günstiger und dort lassen sich die Fenster ganz weit öffnen und ihr habt ungestört die Chance nach Herzenslust Fotos zu machen.

In Tirano macht man eigentlich immer eine Mittagspause, entweder vor der Bahnfahrt oder im Anschluss. Ein tolles Restaurant dafür  in der Nähe des  Bahnhofs ist das Ristorante Ai Portici, dass auch zu unseren Partnern gehört. Ich habe mich gefreut, die Besitzer wieder zu treffen, denn sie sind großartig und fast schon Freunde. Herzlich, kompetent und schnell. Was will man mehr von einem Restaurant?
Dann war es endlich so weit: Los ging die Reise mit dem Bernina-Express über die höchste Strecke Europas! Ganz verrückt startet der „Schnellzug“ wie eine Straßenbahn, in dem er durch die Innenstadt Tiranos fährt und auch ganz dicht an der Kirche vorbei fährt. Aber das ist hier ganz normal. 😀 Fast die  ganze Fahrt hindurch hatten wir das Fenster weit offen, obwohl es im Oktober schon recht   frisch war.  Aber die Aussicht war einfach zu spektakulär und bot viele Fotomotive. Das schönste waren die schneebedeckten Berggipfel im Spiegel der klaren Bergseen. Wie gesagt, ich bin eigentlich kein Berg-Mensch, aber das war einfach: wow! Ein glasklares Panorama.
Da die Strecke von Italien in die Schweiz zurückführt, gibt es eine (noch immer kleine) Grenzkontrolle. Die Polizisten schauen sich die einzelnen Waggons an und gehen durch den ein oder anderen  mit ihren Spürhunden auch durch. In etwa 15 Minuten waren sie bei uns fertig und aussteigen musste auch niemand. Bei uns blickten sie sogar nur durch die Fenster und winkten ab als sie uns  als Gruppe vom SwitzerlandTravelCenter erkannten.

Die Züge selbst sind schon richtig klasse. Gut ausgestattet und sauber, so macht das Reisen im Zug sehr viel Spaß. Für uns endete die Fahrt am Bahnhof Surovas, von wo aus wir gemütlich in unser Hotel in Pontresina laufen konnten. Am Abend gab es noch eine kleine Überraschung für unsere Gruppe. Dazu mussten wir die 20 Minuten nach St. Moritz zum Bahnhof laufen. Dann kam sie: eine alte Dampflokomotive mit den passenden historischen Waggons, die bestimmt über 100 Jahre alt waren! Die Lok paffte und die Waggons klapperten. Innen war sehr gut eingeheizt.  Wir wurden von einem originalgetreu gekleideten Schaffner und einer Zugbegleiterin  begrüßt, die  uns auf eine Mondscheinfahrt entlang der Bernina-Express Strecke bis nach Alp Grüm entführten. Das war genau der Teil der Strecke, den ich auf der Hinfahrt bei Tageslicht gerade heute schon kennengelernt hatte und der  jetzt, im  Schein des Vollmondes völlig anders aussah! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie hell das war! Wir hatten Glück und es  war eine kristallklare Nacht. Der Mond schien riesig und zum greifen nah. Durch den Schnee und die Bergseen hat sich das Licht gespiegelt und die ganze Natur noch etwas mehr erhellt. Das hatte schon etwas mystisches. 🙂 Der Zug feierte übrigens an diesem Tag sein Jahres-Jubiläum und zur Feier des Tages bekamen wir leckere Häppchen gereicht. Die Zugbegleiterin war wirklich herzlich. Sie  konnte es nicht hinnehmen, dass ich keinen Sekt trinken wollte – ich muss doch zu den Häppchen  etwas trinken – also brachte sie mir stattdessen ein Glas Orangensaft. So lieb!

In Alp Grüm selbst ist nicht viel los. Da steht ein Bahnhofsgebäude in dem sich ein Restaurant und auch Fremdenzimmer befinden aber ansonsten lebt dort weit und breit keine Menschenseele. Es ist ein schöner Rast- und Aussichtspunkt für Wanderer. Während der Mondscheinfahrt hielten wir dort am Bahnhof, um im Restaurant zu Abend zu essen. Natürlich gab es schweizer Käsefondue – nach einem Originalrezept mit dem typischen Brot und etwas Salat. Ich war anfangs sehr skeptisch, ob das reichen würde. Halleluja, lag ich falsch. 😀 Ich wurde nicht nur wohlig satt, ich hab auch zu meinem Erstaunen festgestellt, dass im Käsefondue Kirschwasser drin ist! Zum Glück war der Käse mit dem Brot sehr mächtig, sodass der Alkohol mir nicht so schnell in den Kopf stieg wie der Sekt es getan hätte. Durch den Salat fühlte ich mich aber auch nicht zu schwer, das war einfach durchweg ein leckeres Essen. Anschließend ging es im Mondlicht und ziemlich eisigen Temperaturen zurück ins Hotel.

An unserem nächsten Tag war es Zeit für den Glacier-Express. Zuerst fuhren wir mit der Bahn von  St. Moritz nach Samedan, denn erst von dort aus geht‘s nach Chur  als Teil der Glacier Strecke. Die Route des Glacier-Express führt durch die Kantone Graubünden, Uri und Wallis und der Zug wird gerne auch als der langsamste Schnellzug der Welt bezeichnet. Diese gigantische Bergwelt hat mich echt  beeindruckt. Nach jeder Kurve eröffnet sich ein neues Panorama. Da fühlt man sich selbst so klein. Und unser Zug nimmt die Höhen durch die Kehrtunnel wie nichts.   Ich werde bestimmt nochmals hierher kommen, nachdem ich jetzt vielleicht doch ein wenig Fan der  Berge geworden bin. Man kann diese Region auch mal als Tagesausflug vom Lago Maggiore oder dem Comer See anbieten. Vielleicht mache ich auch mal om Bodensee aus einen Ausflug mit meiner Familie.

Solltet ihr selbst die Schweiz mit dem Zug erkunden wollen, dann besorgt euch einen Swiss Travel Pass. Den gibt es in verschiedenen Tageslängen ab drei Tagen und ihr könnt damit alle Züge nutzen sowie auch den Bernina Express Bus und einige Schiffslinien. Dazu sind auch ein paar Straßenbahnen und lokale Bergbahnen inklusive. Nutzt auf jeden Fall dieses Angebot, denn das lohnt sich wirklich! Um die Verbindungen in der Schweiz müsst ihr euch keine Gedanken machen, die sind einfach perfekt – genauso wie ein Schweizer Uhrwerk. 😉

liebe Grüße und bis bald

Sandra Lobbes | Profi für Italien

P.S.: Solltet ihr eine Gruppenreise entlang der Strecke der beiden berühmten Züge machen wollen, dann schaut euch gerne unsere verschiedenen Angebote an. 😉