Die wilde Seite von Vancouver Island


Es ist früh am Morgen und ich sitze auf unserer Veranda, ihr erinnert euch? Wir sind auf Quadra Island, einer kleinen vorgelagerten Insel gegenüber von Campell River. Natürlich kann der Tag nur mit einem heißen Kaffee (Espresso haben die hier leider nicht) beginnen und wir bereiten uns seelisch darauf vor, aufzubrechen. Heute geht es über den Hwy 4 an die Pacific Coast nach Tofino.

Ein kleines Update zwischendurch, bis dato „NULL“ Bären, das ist nicht okay für mich als Bär-Fan!

Also los geht`s! Die Insel soll ja zwei Gesichter haben und wir sind gespannt, ob das auch stimmt. Wir fahren den Hwy 4 über Port Alberni und da springt uns regelrecht ein Schild an: „Flying Tankers“. Für alle Flugzeugfans unter euch, in der 4890 Cherry Creek Road sind die „Coulson Flying Tankers“ stationiert. Das sind die größten Feuerlöschflugzeuge der Welt und sie sind sozusagen „Fliegendes Kulturerbe“. Leider konnten wir an dem Tag nicht direkt bis an die Flugzeuge, aber über den Zaun konnten wir doch einen Blick erhaschen.


Sind wir durch die Zeit gereist? Ein gespenstiges Panorama mit Regenwald, Nebel, viel Regen und einem unglaublichen Brandungslärm erwartet uns in Long Beach, zwischen Ucluelet und Tofino. Berge mit einer Höhe von über 1.500 Metern teilen die Insel und fangen somit die Wolken auf, die vom Pazifik kommen. Dadruch ensteht eine einzigarte Fauna und Flora. Hier gib es Douglasien, Riesen-Lebensbäume und Sitka-Fichten. Diese erreichen enorme Wuchshöhen (bis zu 96 m). Der Pacific-Rim-Nationalpark wird leider durch die Holzindustrie bedroht.

Unser Hotel liegt fast direkt am Pazifik, das Wetter klart auf und ich lasse den Tag auf dem Balkon, dick eingepackt, mit einem Espresso ausklingen!

Yeah, heute ist der große Bärentag! Wir fahren nach Tofino und wollen mit einem kleinen Boot – eigentlich eher eine Nusschale – auf Bärensuche in die verzweigten Fjorde und Buchten aufbrechen. Zuerst aber müssen wir uns diesen „Survival Suit“ anlegen, das geht alleine fast gar nicht. Als wir die Dinger endlich anhaben sehen wir aus, als ob wir zu einer Bohrinsel aufbrechen wollen. Nach einer halben Stunde sind wir tief in die verzweigte und wilde Fjordwelt eingetaucht und haben die Orientierung verloren.

Plötzlich schreien alle im Boot wild durcheinander, stehen auf und wir kentern fast. Das ist er!, Unser erster Bär. Unser Guide, er ist ein Nachfahre der Tla-oqui-aht (First Nation) ist einfach nur spitze. Immer wieder erzählt er interessante Details zur der Geschichte von Vancouver Island. Wusstet ihr, dass die Bären über mehrere Kilometer riechen ob Ebbe ist? Dann kommen sie an den Strand um nach Futter zu suchen. Was wohl heute so alles auf seiner Speisekarte steht?

Wir machen es den Bären nach und lassen den Tag in Tofino bei einem Fisch Dinner direkt am Hafen ausklingen. Vor uns startet gerade ein Wasserflugzeug Richtung Vancouver. Der alte Sternmotor dröhnt wie ein Gewitter und gibt uns wieder mal das Gefühl, dass die Zeit hier vor 60 Jahren stehen geblieben ist. Der Ort besteht fast nur aus Surfern, Aussteigern und Lebenskünstlern plus uns, die Aliens! In der Hochsaison ist das sicher anders.

Brrh, heute starten wir sehr früh zu einem Spaziergang an dem schier unendlich langen Strand. Es ist schon etwas gruselig, der Nebel hängt teilweise noch so tief, dass der Pazifik nicht zu sehen ist, nur das Grollen und Donnern der Wellen. Eine unglaubliche Anzahl von Brandungsgeröll- und Holz liegt am Strand. An den Felsen und am Strand entdecken wir jede Menge Seesterne, riesige Raupen und Seeanemonen, so was haben wir in der Vielfalt noch nicht gesehen.

Und dann hören wir Stimmen aus dem Wasser. Das macht uns neugierig und genau in dem Moment reißt der Nebel auf und vor uns sind Surfer im Wasser – Respekt! Aus dem Dunst tauchen die zwei auf und kommen auf uns zu. Schnell sind wir in ein Gespräch vertieft. Sie erzählen uns, dass im Winter die „Storm Watchers“ kommen. Es soll unglaubliche Wellen geben, die Hotels an der Küste sind dann ausgebucht. Die Insel hat also sogar mehr als zwei Gesichter. Wir beenden unseren Morgenspaziergang und freuen uns auf was zu Essen.

Nach einem guten Frühstück und viel heißem Kaffee haben wir uns entschlossen, uns mal wieder unseren Ängsten zu stellen und alleine in den dichten Regenwald zu gehen, natürlich mit BärBell, einer kleinen Glocke, die den Bären schon von weitem vor Menschen warnt. Der Regenwald macht seinem Namen alle Ehre. Wir sind auf Wandertour, vom Strand in den Wald und es ist einfach nur „NASS“. Ich sag euch, regenfestes Schuhwerk und Klamotten ist hier ein absolutes „must have“. Belohnt werdet ihr dafür mit einer atemberaubenden Komposition aus Fauna und Flora und Abgeschiedenheit. Fast alle Wanderwege sind sehr gut ausgeschildert, durch den vielen Regen ist aber alles sehr sehr rutschig. Denkt bitte an Wanderschuhe, die hoch genug sind um die Knöchel zu stützen.

Der letzte Tag vor der Abreise bricht an und wir wollen uns noch das verschlafene Städtchen Ucluelet anschauen. Im Gegensatz zu Tofino ist es hier eher konservativ, wenn es hier so was überhaupt gibt.
Von der Peninsula Road biegen wir ab auf den Coast Guard Drive. Hier gibt es den Wild Pacific Trail. Der Trail ist sehr einfach zu laufen und die Aussichten sind einfach nur atemberaubend.

Wir sind mal wieder fast ganz allein unterwegs und sehen auf der ganzen Strecke nur eine weitere Person. Da es so schön ist, machen wir ganz viele Stopps und Pausen. Der Ort selber ist sehr überschaubar und wir entscheiden uns noch mal zum Strand nach Long Beach zu fahren, um Abschied zu nehmen.

Heute heißt es packen, die lange Fahrt zur Fähre nach Nanaimo steht an. Traurig sitzen wir im Auto und wollen eigentlich gar nicht weg. Wir sind schon am Kennedy Lake vorbei und schon ein Stück die Passtrasse hochgefahren da kommt, aus dem Nichts parallel zu unserem Wagen ein riesiger Bär angelaufen.

Wir stoppen und fahren dann in seinem Tempo neben ihm. Er macht einen relaxten Eindruck aber wir trauen uns dann doch nicht, die Scheibe herunter zu lassen. Fünf Minuten später ist er im dichten Wald wieder verschwunden.

Danke Vancouver Island für dieses Abschiedsgeschenk.

Ralf Wernicke | Profi für Marketing