Wo man am Bahnhof nur Bahnhof versteht


Das legendäre Land des roten Drachen wäre eigentlich mein Titel für diesen Blogbeitrag gewesen, aber dann glaubt Ihr ja, es ginge hier um China. Doch so weit geht die Reise nicht – auch wenn man dem Gehör nach glauben mag, ans Ende der Welt gereist zu sein. Es geht nach North Wales – eine der unberührtesten Regionen Großbritanniens, durch die wahrscheinlich viele, auf dem Weg nach Irland, schon zügig durchgerauscht sind – nach Holyhead, um die Fähre um zehn vor zwei noch zu erwischen. Schade, weil ihr hier Einiges verpasst:


Zauberhafte Landschaften, uralte Geschichte und unendlich viele Möglichkeiten.

Wales ist ein kleines, aber absolut großartiges Land – längst kein Geheimtipp mehr – und dennoch vielen unbekannt. Obwohl es nur 256 Kilometer lang und 96 Kilometer breit ist, hat es einige Rekorde zu bieten. Hier gibt es zum Beispiel mehr Schlösser und Burgen pro Quadratkilometer als in jedem anderen Land der Welt. Über 600 sollen es sein und man könnte Jahre nur damit verbringen, sie alle zu besuchen. Die meisten davon wurden von König Eduard I. von England im 13. Jh. erbaut um die rebellischen Waliser unter Kontrolle zu bringen – und wenn man sich die massiven Burgen des Nordens in Beaumaris, Caernarfon, Conwy und Harlech so ansieht, hatte man wohl mächtig Angst. Die sind wirklich absolute Weltklasse und gehören für mich definitiv zum Pflichtprogramm. Kein Wunder, dass die auch alle UNESCO-Welterbestätten sind. Der rote Drache ist seit Jahrhunderten das Symbol von Wales. Der Ursprung ist ungeklärt, aber die Flagge soll, neben der Schottischen, die älteste noch im Gebrauch befindliche Nationalflagge der Welt sein.

Durch eine Jahrtausende alte Kultur, Geschichte und Sprache hat sich Wales eine große Portion Stolz und Eigenständigkeit bewahrt – und es ist vor allem Eines: grün. Berge, Täler, Hügel, Wälder, Seen und Wasserfälle – über ein Viertel des Landes ist durch Nationalparks, „Gebiete von außerordentlicher Naturschönheit“ und Naturreservate geschützt. Die Landschaft und die pittoresken kleinen Fachwerk-Dörfer sind einfach zum Verlieben schön und die Gastfreundschaft der Menschen ist mit der der Iren leicht zu vergleichen. Dafür sind die Waliser berühmt und ihr werdet spätestens nach eurem ersten Besuch im örtlichen Pub genau wissen, was ich meine.

Der Norden von Wales ist eines der ältesten Touristengebiete Großbritanniens. Das bezaubernde Seebad Llandudno war schon zu Zeiten Königin Victorias beliebt, was man an den vielen hübschen Häusern noch sehen kann. An der Seebrücke aus dem 19. Jh. vorbei kann man die Landspitze um den Great Omre auf einer Panoramastraße, dem Marine Drive (kostenpflichtig), umrunden und kommt dann an die Flussmündung des Conwy mit einem tollen Blick auf die gleichnamige Stadt. Etwa auf halber Strecke kann man auch den Great Omre hinauf fahren. Hier kommt man dann an einem alten Friedhof mit schönen keltischen Grabkreuzen und an der Bergstation der Standseilbahn vorbei. Schade, dass die hier Ruhenden nichts mehr von der fantastischen Aussicht haben. Der steile Rückweg hinab nach Lllandudno ist dann allerdings nichts für große Autos oder schwache Nerven.
Einer meiner Lieblingsorte ist das mittelalterliche Städtchen Conwy, das mit seiner Stadtmauer und der Burg wie aus einem Märchen aussieht. Es liegt östlich von Bangor und ist über eine grandiose Brückenkonstruktion, über die Autos, Fußgänger und sogar Züge fahren, zu erreichen. Auf den vollständig erhaltenen Stadtmauern kann man einen tollen Rundgang machen und die hübschen schmalen Gässchen mit Läden, Kneipen und Restaurants sind absolut mein Ding. Sollte euch dabei, wie mir, das Geld ausgehen, findet man einen Automaten auch schon mal in einer der typischen roten Telefonzellen. Das Plas Mawr Elizabethan Town House, an der Hauptstraße gelegen, ist ein seltenes Relikt aus dem elisabethanischen Zeitalter. Die Originaleinrichtung der sieben Zimmer kann man besichtigen.
Geht man an der Hafenpromenade entlang zum nördlichen Aufgang der Stadtmauer kommt man am kleinsten Haus von Großbritannien (3 m lang, 1,83 m breit und 2,54 m hoch) vorbei. Knallrot ist es nicht zu verfehlen und der, hoffentlich kleine, Hafenmeister soll hier einmal gewohnt haben. Ein paar Meter weiter gibt es dann auch gleich im Fisherman’s die besten Fish & Chips von Wales. Zugegeben, ich habe keinen Vergleich, aber die sind hier wirklich sehr lecker. Die Burg selbst ist fantastisch erhalten (Eintritt £6.75) und schafft man es auf den oberen Ring (uff!) wird man mit einem herrlichen Blick auf die Ausläufe des Snowdonia-Nationalpark, die Flussmündung, den Hafen und die schon erwähnte Brücke belohnt.
Von Conwy aus lassen sich prima Ausflüge ins wunderschöne Hinterland und zum Snowdonia-Nationalpark, zum Caernarfon Castle oder auf die Halbinsel Anglesey unternehmen. Auch zum prächtigen Bodnant Garden (National Trust), der als einer der schönsten Gärten der Welt gilt, sind es nur ca. 15 Minuten. Besucht unbedingt anschließend das nahegelegene Bodnant Welsh Food Centre. Mit großer Hingabe wurde hier ein Bauernhof aus dem 18. Jh. zum preisgekrönten Restaurant und Hofladen umgestaltet, wo ihr die Vielfalt (sogar Weine!) der regionalen Produkte probieren und natürlich auch kaufen könnt. Ein tolles Mitbringsel ist Halen Môn Meersalz von der Insel Anglesey.
Wenn das Wetter passt, müsst ihr einen Tag für den Snowdonian Nationalpark einplanen. Der ist so schön, dass man eigentlich ständig zum Fotos knipsen anhalten will. Aber Vorsicht, die schmalen Straßen mit Mauern und Hecken sind oft so eng, dass man eigentlich keine Ahnung hat, was man machen soll, wenn wirklich einmal jemand entgegen kommt. Und dann auch noch Linksverkehr. Zum Glück ist es recht einsam hier und im Herbst ein absoluter Farbenrausch. Die kurvigen Strecken über Stock und Stein machen einen Heidenspaß und wer genug Zeit mitbringt, hat auch kein Problem damit, sich zu verzetteln. Irgendwo kommt man schon raus – und es gibt so viel zu sehen, dass man, egal wie man fährt, garantiert nicht falsch ist. Sonnenschein, ein Stopp in einem der kleinen bezaubernden Dörfer wie Betws-y-Coed zum Tee und Füße in den Bach am Horseshoe Waterfall strecken – ein absolut perfekter Tag. Was ich hier gerne einmal machen möchte ist ein Klassiker: Mit dem Welsh Highland Railway kann man insgesamt rund 70 Kilometer mit Schmalspureisenbahnen durch die wildromantische Landschaft rund um den Mount Snowdon fahren. Darauf freue ich mich heute schon.

Ganz im Nordwesten liegt die Halbinsel Anglesey – eines der drei geschützten Gebiete von „außerordentlicher Naturschönheit“ in Wales. Hier sind die Mythen und Legenden um die keltischen Druiden zu Hause, hier standen ihre Heiligtümer und hier war das Zentrum ihrer Macht. Heute ist davon nicht mehr viel zu finden, aber die riesigen Strände sind nach wie vor sehenswert. Prinz William und Lady Catherine wohnen hier irgendwo und hier könnt Ihr auch das berühmte Dorf besuchen, wo man am Bahnhof wirklich nur noch Bahnhof versteht, in Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Der Name ist mit 58 Buchstaben der längste amtliche Ortsname Europas. Vor dem restaurierten viktorianischen Bahnhof gibt es einen großen Parkplatz und den passenden Souvenirshop gleich dazu. Den Namen hat sich ein findiger Kaufmann ausgedacht, der so die Bahnreisenden zum Aussteigen bewegen wollte – keine dumme Idee, wie man heute an den Besucherzahlen sieht.

Walisisch ist eine der ältesten lebendigen Sprachen Europas und absolut nur was für Muttersprachler! Glaubt mir, ich hab es einige male versucht und kann nur shwmae, diolch und iechyd da oder slongie far (Hallo, Danke und Prost). Die keltische Sprache und ist hier auch noch Amts- und Schulsprache und – meiner Meinung nach – von einem Fremden nicht zu erlernen. Beispielsweise muss man das doppelte „ll“, das häufig in Ortsnamen vorkommt, mit der Zunge am Gaumen irgendwie durch die Zähne zischen. Belauscht doch mal die Tischnachbarn im Restaurant und versucht zu erraten, um was es geht. Nützlich ist aber – falls man kein Navi hat (und vorausgesetzt, man würde es verstehen), dass die Ortsnamen oft landschaftstypische Merkmale aussagen: So bedeutet Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch „Marienkirche (Llanfair) in einer Mulde (pwll) weißer Haseln (gwyn gyll) in der Nähe (ger) eines schnellen Wirbels (chwyrn drobwll) und der Thysiliokirche (llantysilio) bei der roten Höhle (ogo goch).“  Somit ist das doch wirklich ganz einfach zu finden 😉 . Wer sich das nicht merken kann, fährt von Bangor aus einfach die 8 Kilometer die Britanniabrücke über den Menai Strait nach Anglesey und bleibt auf der A5.

Hier hab ich ein kleines Video auf YouTube gefunden – schon mal zum üben für euren Besuch in Wales: Ortsnamen

Wie ihr seht, langweilig kann es euch in Wales nicht werden. Es gibt so viele Orte zu besuchen, an jeder Ecke findet sich ein Garten oder Park und was die alten Gemäuer angeht, ist Wales wirklich unschlagbar. Sehr zu empfehlen ist hierfür ein Cadw Explorer Pass, den man an fast allen historischen Attraktionen direkt kaufen kann und mit dem dann die Eintritte in die wichtigsten Burgen, aber auch Rug Chapel und Tintern Abbey, kostenlos sind. Es gibt ihn als 3- oder 7-Tages Pass, den man dann in einem Zeitraum von 7 bzw. 14 Tagen nutzen kann. Super: Es gibt sogar schon eine Ermäßigung für 2 Erwachsene (£30.00 für 3 Tage), der rechnet sich also schon ab der 3. Burg. Bitte unterschätzt aber nicht die Zeit, die man gerade für die großen Burgen braucht. Weitere Informationen gibt es hier:  Wales Explorer Pass

Für diejenigen unter euch, die gut zu Fuß sind, hier noch ein Rekord: Der Wales Coast Path ist der längste durchgängige Küstenpfad der Welt. Entlang der 1.400 km langen Strecke findet ihr hunderte bezaubernde Hafenörtchen, Buchten und natürlich auch ganz tolle Strände. Wusstet ihr, dass Wales die schönsten Strände Europas hat, wobei der Strand von Rhossili Bay auf der Gower-Halbinsel im Süden sogar auf Platz 10 der Welt steht? Ich auch nicht, aber ich werde ihn ganz sicher einmal besuchen und euch dann berichten.

Croeso i Gymru, Willkommen in Wales

Stefanie Häuser, DTP | Grafik