Wo die Brücke seufzt


Neben dem Karneval in Rio ist der Carnevale di Venezia mit Sicherheit der berühmteste der Welt – „zu Recht!“. Und vielleicht gerade weil er sich erheblich von unserem deutschen und auch von dem in Rio de Janeiro unterscheidet. In Venedig gibt es keine lärmenden Narren, Blasmusik, Tanz und Kamelle. Der venezianische Karneval ist ein würdevolles Fest erhabener Gestalten, ein magisches, ja vornehmes Schaulaufen wundervoller Kostüme und Masken.

Die Tage vor dem Faschingsdienstag verwandelt sich „La Serenissima“ – die „Durchlauchtigste“ – in eine märchenhafte Bühne. Der Höhepunkt ist die Zeit zwischen dem Donnerstag vor Karneval, dem „giovedi grasso“ (fetter Donnerstag) bis zum Aschermittwoch. Die ganze Stadt ist dann ein einziger Maskenball. Beim Schlendern durch die schmalen Gassen begegnen einem überall phantastisch verkleidete Menschen, oft paarweise oder ganze Gruppen, die sich gerne in der einzigartigen Kulisse zur Schau stellen und tolle Fotomotive abgeben. Auf der Jagd nach dem besten Bild begibt man sich am besten auf den Markusplatz oder zur Gallerie dell‘ Accademia, wo sich früher oder später alles und jeder findet – immer vorausgesetzt das Wetter passt. Denn die aufwendigen, meist selbstgeschneiderten Kostüme sind sehr wertvoll und nicht wasserfest! Regnet es, verzieht sich das ganze Volk unter die Arkaden rund um den Piazza San Marco oder ergattert sich einen der begehrten Plätze im Caffè Florian, Venedigs berühmtestem und Italiens ältestem Kaffeehaus. So ehrwürdig wie das Café auch sein mag, so schnell kann hier ein Latte Macchiato auch 18 Euro kosten.

Wenn ich in Venedig bin, starte ich meine Tour aus alter Tradition immer am Markusplatz, dem Salon Europas. Er ist das Herz der Stadt und einer der schönsten Plätze der Welt. Er ist 175 Meter lang und bis zu 82 Meter breit – der einzige Platz in Venedig, der die Bezeichnung „piazza“ trägt. Rundum gibt es herrliche Architektur, den 99 Meter hohen Campanile, die hohen Säulen San Marco und San Teodoro, den mystischen Markusdom, den Dogenpalast – und nicht zu vergessen die unzähligen Tauben. Ein Besuch in der Basilika lohnt sich vor allem um die Mittagszeit, ab ca. 11:30 / 12:00 Uhr. Dann wird im Inneren das Licht für ca. eine Stunde angemacht, sodass die goldenen Mosaiken erstrahlen. Mit der Chiesa S. Giorgio Maggiore oder der Basilika Maria della Salute im Hintergrund stellen sich am Canal hier schon fantastische Masken zum Knipsen zur Schau.

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Zur Fortbewegung ist man mit den verschiedenen Touristen-Tickets für die Wasserbusse gut bedient. Nicht gerade billig, aber man kann damit alle Linien in alle Richtungen fahren, aus- und einsteigen wo man will und so alle Facetten dieser Stadt erkunden. Eine gute Investion! Einen Stadtplan kann man sich im Hotel oder bei der Tourismuszentrale besorgen. Die Orientierung ist jedoch recht simpel – entweder man geht Richtung Rialto oder San Marco. Auch die Wassertaxis fahren entweder Richtung Tronchetto oder Lido über den Canal Grande.
Die meist genutzte Linie ist die Nr. 1, die langsam den Canal Grande abfährt und es Ihnen ermöglicht, all die prachtvollen Palazzi zu bewundern. Die Fahrt dauert etwa 30 Minuten vom Markusplatz bis zur Rialtobrücke, zu Fuß ist man zwar doppelt so schnell aber zum Genießen lohnt sich die Linie alle Mal. Wer es eilig hat kann lieber die schnellere Linie Nr. 2 nehmen, die ebenfalls durch den Canal Grande fährt, aber an weniger Haltestellen anlegt.

Je nach Tageszeit, Lichtverhältnissen (da kommt die Fotografin durch) und Besucherandrang gehe ich dann erst die paar Meter weiter zur Ponte della Paglia und werfe einen Blick auf die Seufzerbrücke. Die „Ponte dei Sospiri“ ist legendenumrankt – und natürlich eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt! Das Klagen und Jammern der Gefangenen auf dem Weg vom Dogenpalast ins Gefängnis hat der Brücke ihren Namen gegeben. Sie ist 11 Meter lang und wurde mitsamt ihren barocken Verzierungen innerhalb von drei Jahren Anfang des 17. Jahrhunderts erbaut. Sie hat zwei seperate Gänge, damit sich die Gefangenen nicht begegneten. Das Gefängnis Venedigs – die berüchtigten Bleikammern – hatte einen schlimmen Ruf. Die Kerkerzellen waren winzig klein, die Luftzufuhr schlecht und im Sommer wurde es so heiß, dass viele Gefangene nicht überlebten. Es galt als komplett ausbruchssicher, aber einer hat es trotzdem geschafft – Giaocomo Casanova. Wer die Brücke betreten will, kann das bei Führungen oder beim Besuch des Dogenpalastes tun.

Aber zurück zum Karneval und seiner Geschichte: Die Tradition der Verkleidung und Masken reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. In den einstigen Karnevalstagen waren die Bürger, ob arm ob reich, gleichgestellt und konnten, versteckt hinter ihren Masken die Politik und die strenge Hierachie des öffentlichen Leben veralbern und auch kritisieren. Gaukler, Quacksalber, Narren und und allerlei Stehgreifschauspieler ließen allerdings die guten Sitten immer weiter ausufern. Auch der Berühmteste unter Ihnen, Giacomo Casanova, trieb es hinter dem Schutz der Maske soweit, dass Napoleon den Karneval 1797 verbot. Erst Ende des 19. Jahrhundert eroberte dieses Fest wieder die Lagunenstadt und wurde zum wichtigsten Event, das jährlich tausende von Touristen anzieht. Obwohl die Maskenträger selbst meist keine Venezianer mehr sind, sind die herrliche Masken und Kostüme an den historischen Vorbildern orientiert und der Karneval ein Highlight, das man einmal gesehen haben muss.

Die Bedeutung der Masken gehen auf die Commedia dell’Arte zurück. Diese Schauspielkunst wurden von herumziehenden Schauspieltruppen bis zum Verbot Napoleons auf den öffentlichen Plätzen Venedigs dargeboten. Das Besondere daran war, dass die Figuren keine individuellen Charaktere waren, sondern Figuren mit den immer gleichen Merkmalen. Auch heute noch haben die venezianischen Masken ihre besondere historische Bedeutung.

Die Schauspieler trugen meist eine Halbmaske, die „Mezza Maschera“, damit man sie auch verstand. Die „Bauta“ dagegen bedeckt das komplette Gesicht – sie ist die anonyme weiße Maske und kann von Mann oder Frau getragen werden. Dazu trägt man einen schwarzen Umhang und einen schwarzen Dreispitz. Die Maske war in der Vergangenheit sehr beliebt, weil sie die komplette Anonymität ermöglichte. Sie steht bis heute für Freiheit, weil sie dem unbekannten Träger alles erlaubt. Die „Moretta“ dagegen ist eine der meist getragenen schwarzen Frauenmasken und hat keinen Mund. Der Tradition nach wird sie mit einem kleinen Knopf mit dem Mund gehalten, so dass die Maskierte zum Schweigen gezwungen ist, was einen ganz besonderen Reiz auf die Männerwelt ausmachte. Dann gibt es da noch den falschen Kranken, den „Bernardone“, den man an den Krücken erkennt. Ganz besonders fantasievoll sind die Katzenmasken, die „Gnaga“. Sie wurden früher ausschließlich von Herren, die eine weibliche Figur darstellen wollten, getragen. Zu typischen Frauenkleider trugen sie einen Korb, in dem ein Kätzchen saß und beim Flanieren über die Plätze imitierten sie das Miauen eines Kätzchens. Die Maske der „Colombina“ ist heute eine der umwerfendsten Frauenmasken, die reich mit Schmucksteinen und Federn verziert ist. Der reiche „Pantalone“ ist ein geiziger alter Mann und repräsentiert den venezianischen Kaufmann, der den Reizen junger Damen nicht abgeneigt ist. Die Männer-Maske ist eine braune Halbmaske mit einem von Furchen durchzogenen Gesicht und einer buckligen Nase. Die „Mattaccino-Maske“ (Clown) dagegen kann ganz unterschiedlich aussehen. Die Träger werden in Venedig auch als Eierwerfer bezeichnet, denn die Mattaccini bewarfen Freunde, Bekannte und Angebetete von ihren Balkonen mit parfümierten Eiern. „Arlecchino“ ist der dumme Narr, trägt ein buntes Flickenkostüm und tritt mit Kunststücken und als Spaßmacher auf. Die Maske ist meist schwarz. Der „Capitano“ verkörpert einen angeberischen aber feigen Soldaten, der sich seiner heldenhaften Taten rühmt, die jedoch nur erfunden sind. Seine Maske hat eine große Nase und sein Kostüm ähnelt der Uniform spanischer Soldaten aus dem 16. Jahrhundert. Eine der bizarrsten und furchteinflößendsten Masken ist die des „Medico della peste“, des Pestarztes. Sie hat eine extrem lange Nase in Form eines Schnabels und kann schwarz, weiß oder farbig sein. Diese Maske hat einen wahren Hintergrund, denn Sie wurde von den venezianischen Ärzten während der Pestepidemien im 16. und 17. Jahrhundert wirklich getragen. Im Inneren des Schnabels deponierte man Kräuter, um sich vor dem Gestank zu schützen. Durch Glück hatten die Kräuter eine desinfizierende Wirkung und die Ärtze steckten sich dadurch tatsächlich nicht an!

Jährlich werden die besten Masken auch prämiert. Daneben gibt es natürlich ein buntes Rahmenprogramm mit einer Wasserparade, Maskenwettbewerbe und auf dem Markusplatz finden jeden Abend großartige Veranstaltungen statt. Die offizielle Eröffnungszeremonie (am zweiten Sonntag vor Karneval) ist der Engelsflug „Volo dell’Angelo„, bei der eine berühmte venezianische Persönlichkeit als Engel maskiert vom Turm des Campanile über den Markusplatz schwebt. Beendet wird der Karneval von Venedig am Faschingsdienstag mit dem „Svolo del Leone“, dem Flug des Löwen. Der Löwe ist das Wahrzeichen von Venedig, er wird für das Abschiedsritual auf ein großes Tuch gemalt und fliegt über den Markusplatz. Zum Abschluss gibt es in jedem Jahr dann noch ein gewaltiges Feuerwerk über der Lagune.

Natürlich ist Venedig auch außerhalb des Karnevals eine Stadt, die ihresgleichen sucht und hat auf rund 160 Quadratkilometern (Land-)Fläche so viele Kunstschätze zu bieten wie kaum eine andere in der Welt. Der Handel mit Gewürzen, Salz und Luxuswaren hat die Dogen reich gemacht. Bis ins 16. Jahrhundert war sie eine der größten Handelsstädte Europas und das Tor zum östlichen Mittelmeer.

Die bewegte Geschichte spiegelt sich natürlich auch in den prachtvollen Palazzi und allerlei Kunstschätzen wieder. Barocke Kirchen, gotische Plätze, byzantinische Kuppeln – Kunst sieht man in Venedig an allen Ecken und Enden, denn die Stadt ist ja an sich schon ein Kunstwerk. Wer ein wenig Zeit mitbringt, dem lege ich unbedingt einen Besuch der Basilika Santa Maria Gloriosa dei Frari im Sestiere San Polo 3072 ans Herz, neben San Zanipolo die größte und bedeutendste gotische Kirche Venedigs. Die Fassade des Backsteinbaues ist eher schlicht – innen ist sie allerdings ein wahres Schmuckkästchen mit zahlreichen wertvollen Kunstwerken. Darunter auch zwei Hauptwerke Tizians. Der Eintritt beträgt derzeit drei Euro und dient dem Unterhalt der Basilika. Bei einem ca. 30 minütigem Rundgang mit einem Audioguide werden Euch die Schätze in der Kirche erklärt. Die „Assunta“ von Tizian zeigt die Aufnahme Marias in den Himmel, laut Canova das schönste Gemälde der Welt. Auch die Madonna des Hauses Pesaro von 1526 ist ein Meisterwerk der Perspektive und Leuchtkraft. Jeder kunstbegeisterte Mensch wird erstaunen vor der ausdrucksstarken Kraft des Portraits. Und wenn ihr schon mal hier seid, könnt ihr das Tryptichon, die berühmte Madonna mit Kind von Giovanni Bellini (1488) in der rechten hinteren Ecke auch nicht übersehen.

Venedig ist immer eine Reise wert. Wer zur Karnevalszeit allerdings ein Hotel in Venedig sucht muss sich rechtzeitig umsehen. Die Hotels in Venedig selbst sind schnell ausgebucht und günstige Quartiere finden sich dann nur noch auf den Inseln, auf dem Festland oder in Lido de Jessolo. Aber gerade abends hat die Stadt ein ganz besonderes Flair, wenn im Glanz von Wasser und Licht die mystischen Gestalten durch Venedigs Gassen wandeln.

Und zum Abschluss noch ein paar Tipps:

Viele Geschichten um Venedig sind ja hinreichend bekannt, aber auch als Wiederholungstäter wie ich erfährt man immer wieder neue Geheimnisse. Genial ist hier die Abendtour: „Geisterspuk in der Lagune“ (leider nur auf englisch) für 20 Euro p.P. im Winter 4 x die Woche, bei der es viele tolle Geschichten (Wahrheit oder Legende) über die Stadt zu erfahren gibt.

Wie überall gilt: Je weiter man sich vom Zentrum und den großen Touristenströmen entfernt, desto besser sind die Preise. Gerade abseits der Touristenpfade findet man immer wieder richtig nette kleine Lokale mit moderaten Preisen und gutem Essen. Grundsätzlich ist das Abendessen frühestens ab 19 Uhr die Hauptmahlzeit. Das Frühstück wird eher vernachlässigt und auch das Mittagessen fällt meist ebenfalls etwas kleiner aus.

Die Küche Venedigs ist bekannt für ausgefallenen Rezepte und orientalische Küche. Man findet neben den italienischen Klassikern wie Pizza und Pasta auch viele typisch venezianische Speisen mit viel Gemüse, Reis und extravaganten Gewürzen. Unbedingt probieren: Meeresfrüchte und Fisch – besonders die Frittura Mista (gemischte frittierte Meeresfrüchte) sollte man kosten. Dazu ein guten Glas venetianischen Weins.

Musikinteressierte sollten sich das Musikmuseum ansehen. Der Eintritt ist frei. Das Museum zeigt unter anderem die Geschichte der hohen Handwerkskunst der Geigenbauer. Auch eine Ausstellung über Antonio Vivaldi ist sehenswert. Die Interpreti Veneziani spielen hier ganzjährig Konzerte mit Musik von Vivaldi.

Wer in der Altstadt Venedigs schon alles gesehen hat kann auch eine Bootsfahrt nach Chioggia / Sottomarina unternehmen. Das gemütliche Städtchen Chioggia, das sogenannte „Klein-Venedig“ liegt zwischen der Lagune und den Flussmündungen von Brenta, Bacchiglione, Etsch und Po. Mit seinen kleinen Brücken und niedrigen Palästen sowie der schönen Fußgängerzone mit dem Fischmarkt begeistert Chioggia seine Besucher. Sottomarina ist aufgrund des feinen Sandstrandes und der jodhaltigen Luft ein allseits beliebter Badeort an der oberen Adria. Die schönen Strände laden zu ausgedehnten Spaziergängen und Sonnenbädern ein. Die Altstadt eignet sich hervorragend zum Shopping mit Ihren vielen Boutiquen und Geschäften. Die Schifffahrt dauert ca. 1,5 Std. Lohnt sich aber, denn bei schönem Wetter ist die Fahrt in der Lagune toll.

Auch die Insel Torcello liegt in der Lagune. Die harmonische kleine Insel, mit nur ca. 25 ständigen Einwohnern, hat zwei historischen Kirchen und ein Museum. Ein weiteres Highlight ist das Hotel und Restaurant Locanda Cipriani welches auf eine lange Tradition zurück blickt und schon so berühmte Gäste wie Ernest Hemingway empfangen hat.

Ich hoffe, ich habe euch jetzt genug Lust auf den Karneval in Venedig gemacht. Lasst euch vom bunten Treiben anstecken, geht auf die Jagd nach dem besten Fotomotiv, schlendert durch die engen Gassen, entdeckt die versteckten Piazzi und gemütlichen Lokale und lasst Euch, wie ich, einfach von dem besonderen Flair verzaubern. Im nächsten Jahr ist der Karneval vom 18. bis 28. Februar – wir sehen uns!

Liebe Grüße

Stefanie Häuser, DTP | Grafik